Bombenkrieg:
An den dunklen Tagen danach
Umherirren, Suchen und Finden in den frischen Trümmern Dresdens
von Friedrich Karl Fromme

Das Tageslicht konnte sich kaum durchsetzen an jenem 14. Februar 1945, dem Aschermittwoch, der einer Nacht folgte, in der in zwei Schüben fast 800 schwere britische Lancaster-Bomber sich ihrer Fracht von Spreng- und Brandbomben über Dresden entledigt hatten.

Es gibt trübe Februartage, an denen die Dunkelheit nicht weichen will, so daß der Zweifel aufkeimt, ob es je noch einmal Frühling werde. Doch die Düsterkeit dieses Tages war von Menschenhand gemacht. Eigentlich wäre es ein milder Vorfrühlingstag gewesen, von der Art, die es nur im Dresdner Elbtal gibt. Rauch der zur Feuerstätte gewordenen Stadt ließ den Himmel dunkel bleiben. Es war, als scheue er sich, das zu beleuchten, was von der einst glänzenden Stadt (sie war es eingeschränkt auch noch im sechsten Kriegsjahr) übriggeblieben war – und von ihren Bewohnern auch.

Die Briten huldigten der Theorie, der wirksamste Einsatz der Luftwaffe sei es, die Soldaten des Gegners in ständige Besorgnis zu versetzen, wie es ihren Nächsten in der Heimat ergehen möge. Das Gegenbild dieser Doktrin, daß das Zerstören von Rüstungsfabriken und Verkehrswegen nicht der Hauptsinn des Luftkriegs sei, hat das britische Oberkommando am Beispiel Dresdens anschaulich vorgeführt. Rund um die Trümmer der Wohnviertel der Innenstadt und der angrenzenden, mit Mietskasernen dicht bebauten Quartiere standen am 14. Februar kaum beschädigt die Industriewerke, an denen das oft als reine „Kunststadt“ verkannte Dresden nicht arm war, sogar die Kasernen. Nicht einmal die Elbbrücken waren zerstört. Die Eisenbahngeleise waren nach 48 Stunden wieder benutzbar. Am Aschermittwoch fehlte ein beträchtlicher Teil der Arbeiter. Nach wenigen Tagen waren sie wieder am Platz – soweit sie am Leben geblieben waren.

Vorgeschichte und Verlauf jener Bombennacht, denen am 14. und 15. Februar weitere Tagesangriffe folgten, besorgt von den Amerikanern, die sich um eine Konzentration auf „kriegswichtige Ziele“ bemühten, ist oft beschrieben worden. Doch das, was dem viergeteilten Schlag folgte bei den Überlebenden, ist kaum je im Zusammenhang dargestellt worden. Das hat seinen Grund. Es gibt kein allgemeingültiges Nach-Angriffs-Verhalten. Jeder hat hier seine eigene Geschichte.

Für die am schwersten Betroffenen, die Bewohner der engen Innenstadt, war es zunächst ein qualvolles, von Angst getriebenes Sichausarbeiten aus brennenden Trümmern, eine Flucht über gleichfalls brandgefährdete Asphaltstraßen, dem Instinkt folgend in die locker bebauten Vorstädte, auf die weiten Elbwiesen (Dresdens Verwaltung hatte sie zäh gegen alle Bebauungswünsche verteidigt) und in den „Großer Garten“ genannten, zwei Quadratkilometer messenden Park hart am östlichen Rand der Innenstadt.

Umstritten ist, ob bei den Tagesangriffen im Tiefflug auch Jagd auf die Davongekommenen gemacht wurde. Es mag sein, daß die Erinnerungen der Betroffenen insoweit nicht verläßlich sind. Das rauschende Zusammenkrachen der ausgebrannten Häuser, das Detonieren von Blindgängern und Zeitzünder-Bomben, das Motorengeheul der Maschinen, die angesichts des Fehlens jedweder Abwehr (die spärliche Flak war kurz zuvor gänzlich abgezogen worden) niedriger flogen, konnte zu einem vermeintlichen Erleben von Tieffliegerangriffen werden.

Oft beschrieben wurde die makabere Arbeit des Bergens und Bestattens der ums Leben Gekommenen. Zum Überfluß ist der Disput über die Zahl der Getöteten ideologisch unterfüttert. Die Nationalsozialisten hatten nichts gegen hohe Totenzahlen – 250.000 oder mehr wurden genannt. Das war geeignet, die Brutalität der Alliierten zu belegen, zeigte aber unvermeidlich auch deren Übermacht. In der Sowjetzone, der Dresden anheimfiel, auch noch zu Beginn der DDR, war es zunächst erlaubt, das von den Nationalsozialisten benutzte Wort „Terrorangriffe“ zu verwenden (schlechthin falsch war es, die „politische Korrektheit“ möge einen Moment wegschauen, nicht).

Gegen Ende der vierziger Jahre setzte sich offenbar bei der Besatzungsmacht die Erkenntnis durch, daß die Veranstalter des Bombenkrieges ihre Verbündeten gewesen waren. Mitte der fünfziger Jahre stabilisierte sich die „amtliche“ Annahme bei 35.000 Toten. Diese von der SED-Führung gleichsam zum Dogma erhobene Zahl wurde auch von den meisten Wissenschaftlern übernommen. Ein offenkundiger Widerspruch zu den Ergebnissen des britischen Historikers David Irving wurde übersehen, vielleicht unterdrückt. Irving hatte mit „rechts“ eingeordneten politischen Richtungen sympathisiert und sich damit disqualifiziert. In seinem Buch „Der Untergang Dresdens“, in Großbritannien erschienen 1963, deutsch beim Sigbert Mohn-Verlag 1964, berichtet Irving, daß den nicht identifizierbaren Toten ein Stück von der Kleidung (so noch vorhanden) abgeschnitten wurde. Diese Stoffschnipsel wurden mit einer Karteikarte versehen, die den Fundort nannte. Eheringe wurden abgeknipst und in Eimern gesammelt. Diese Unterlagen deuten auf mehr als 80.000 Getötete. Die Kleidungsreste rochen übel, also wurden sie im Mai 1945 auf Weisung der Besatzungsmacht vernichtet. Die Eheringe glänzten golden – also kamen sie irgendwie abhanden. Nachgeprüft wurde das nicht. Es mag stimmen oder auch nicht, aber schlicht übergehen lassen sich diese Angaben nicht.

Verwunderlich ist die in der Literatur auftretende Gläubigkeit gegenüber den Ergebnissen der Bürokratie. Lücken in den behördlichen Aufzeichnungen werden leichthin durch Hochrechnung geschlossen. Niemand denkt an eine mögliche Zweischichtigkeit des Handelns der Menschen in den Verwaltungen. Wenn Zeit, Kraft und Nerven fehlten, genau zu zählen, konnte es sein, daß irgendeine Totenzahl eingetragen wurde.

Das im Verlag Herbig in München erschienene Buch von Wolfgang Schaarschmidt (Seite 16) versucht eine Annäherung an die realen Totenzahlen. Ein Beispiel: Bis heute wird als „amtliche“, daher richtige Zahl der auf dem Altmarkt improvisiert verbrannten Toten exakt 6.865 angegeben. Man muß sich die Situation vorstellen, in der diese Zählung geschah. Es war warm im letzten Drittel des Februar 1945. Schaarschmidt zitiert einen, der dabei war, mit den Worten: „Schließlich haben wir überhaupt nicht mehr gezählt.“ Im gerade erschienenen „Dresdner Geschichtsbuch“, Folge 10, heißt es auf Seite 123 „annähernd 8.000“, auf Seite 264 steht die amtliche Zahl 6.865. Was ist nun „richtig“?

Wer seine Wohnung behalten hatte, mehr oder weniger stark beschädigt, versuchte in Eile, Dachziegel wieder aufzulegen, befestigte notdürftig die herausgeschlagenen Fenster- und Türrahmen, ersetzte das zerbrochene Glas durch angenagelte Pappe. Von den 220.000 Wohnungen Dresdens waren 75.000 vollständig zerstört, an die 20.000 schwer beschädigt. Deren Bewohner suchten eine Unterkunft, mußten sich irgendwie ernähren. Gut dran war, wer in seinem insoweit unbeschädigt gebliebenen Keller einige Vorräte hatte.

In den überfüllten Krankenhäusern lagen die Verletzten in mehr oder minder notdürftigen Betten auch auf den langen Fluren. In dem einen großen Krankenhaus der Stadt – im Vorort Friedrichstadt – waren bis auf eines die Klinikgebäude zwar beschädigt, aber noch benutzbar. Zerstört war die Großküche, die in normalen Zeiten für 1.600 Kranke das Essen bereiten mußte. Eiserne Fußabtreter wurden auf gestapelte Ziegelsteine gelegt. Mit Hilfe des aus den Parkbäumen gewonnenen Feuerholzes wurde im Freien gekocht.

Die (geschätzt) 400.000 Obdachlosen mußten ein Dach über dem Kopf suchen. Zuerst schaute man bei Verwandten, Freunden und Bekannten nach. Wenn das vergeblich war, ging man mit einem mehr oder minder galgenhumorigen Spruch weiter. Manchmal nahmen sich diese Besuche dramatisch aus. „Gute Bekannte“ konnten einem fast Fremden um den Hals fallen mit einer schluchzend hervorgebrachten Klage über den Tod des Nahestehenden. Manchmal erwies sich das später glückhaft als ein Irrtum. Es konnte sein, daß der Totgeglaubte in einem Splittergraben gesehen worden war, von dem der zweite Nachtangriff nur eine Reihe von Bombentrichtern übriggelassen hatte. Doch in der stickigen Enge dieses Grabens – nicht besser geschützt als von einer Konstruktion aus Balken und Brettern, darüber ein Viertelmeter Erde – hatte sich der vermeintlich Tote irgendwie unwohl gefühlt, so daß er, den Befehl des Luftschutzwarts nicht achtend, den bedenklichen Ort verließ.

Manche hatten das Glück, daß auf ihrem Grundstück eine Garage, ein Schuppen notdürftig erhalten geblieben war. Dort konnte das vor dem Feuer Bewahrte, das mit mehr oder weniger Sinn und Verstand vor den Flammen Gerettete, untergebracht und so gut es ging gesichert werden gegen die, die alsbald Ausschau hielten nach Brauchbarem. Wer im Nachthemd, über das gerade noch ein Mantel geworfen war, durch die ausgebrannten Vorstädte irrte, dem war es nicht zu verübeln, wenn er einen Korb mit Kleidung an sich nahm. Anders sah es im Urteil der Miterlebenden aus, wenn eine Kiste mit Meißner Porzellan vielleicht gar praktischerweise auf den geretteten Handwagen (damals ein auch in wohlhabenden Haushalten gebräuchliches Einrichtungsstück) geladen und davongefahren wurde.

Bald erschienen Anschläge, daß „Plündern“ mit dem Tode bestraft würden. Auch Gegner des Nationalsozialismus, die es seit Beginn waren und solche, die später dazu wurden – da war zum Beispiel eine Altparteigenossin, die unter durchaus undamenhaften Worten ihr zufällig gerettetes Hitlerbild zertrat – hielten das in der gegebenen Situation für berechtigt. An Streifen von Polizei oder SS, die auf Plünderer Jagd gemacht hätten, kann sich der Verfasser dieser Zeilen freilich nicht erinnern. Diese Leute hatten genug zu tun, Verletzte zu bergen und zu beginnen, die Toten zu sammeln. In Erinnerung ist sogar ein Fall der Nachsicht. Ein älterer Mann und ein Jugendlicher wurden bei dem Versuch gestellt, aus dem Wrack eines auf die SS zugelassenen Automobils die Batterie auszubauen, um mit ihr – wie sie schließlich glaubhaft machen konnten – das Auto eines Dresdner Arztes wieder fahrbereit zu machen. Das wurde hingenommen.

Bereits unter dem Datum des 14. Februar, des „Tags danach“, wurde ein bescheidenes Zeitungsblatt verteilt, betitelt „Kurznachrichten für die vom Luftkrieg betroffene Bevölkerung“. Es war in der benachbarten Kleinstadt Pirna gedruckt, wie ordnungsgemäß vermerkt wurde. Dort war der Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht vom 14. Februar abgedruckt, der erst im fünften Absatz die dürre Mitteilung machte: „Die Briten richteten in der vergangenen Nacht Terrorangriffe gegen das Stadtgebiet von Dresden.“

Das war für die Betroffenen nichts Neues, und es war für niemanden überraschend, daß weiter zu lesen war, der „Führer“ müsse „in diesen ernsten Stunden ... sich auf uns verlassen“ können. Die Rede war vom „deutschen Sozialstaat“, den die Kriegsgegner mit maßlosem Haß verfolgten. Der Autor muß wohl einer der frühen Nationalsozialisten gewesen sein, die, wie der heutige bayerische Ministerpräsident Stoiber vor vielen Jahren unter verbreiteter Entrüstung gesagt hatte, in den Nationalsozialisten „auch Sozialisten“ sehen wollten.

Die „Kurznachrichten“ enthielten den Rat, „am besten“ begebe man sich „an die Peripherie der Stadt“. Dort seien „Posten der Partei“, die weitere Auskunft gäben. Aber zu sehen war davon „an der Peripherie“ nicht viel. Jeder mußte zusehen, wo er ein Unterkommen finde. Diejenigen, deren Behausung davongekommen war, sind damals bereitwillig zusammengerückt, haben Obdachlose aufgenommen und mit ihnen geteilt. Lange noch war es in Dresden üblich, daß etwa in einer Vierzimmerwohnung zwei oder gar drei Parteien zusammenlebten – mehr oder, in dem Maße, wie der Druck der Not nachließ, auch weniger schiedlich-friedlich. An der einstigen Heimstatt kritzelte man etwa auf ein stehengebliebenes Hausportal (Rundgemauertes hatte sich meist leidlich gehalten) die neue Adresse – oft freilich waren dort, bis in den fünfziger Jahren die Trümmer systematisch abgeräumt wurden, Todesnachrichten zu lesen. Noch in den ersten Jahren nach dem Kriege waren immer wieder Kränze oder Blumen auf den Trümmerbergen zu sehen, von denen überlebende Angehörige vermuteten, es seien Grabhügel.

Erst allmählich besannen sich die Ausgebombten darauf, daß ohne „Papiere“ der Mensch nicht viel wert sei. Man begab sich auf die Suche nach den Behörden. Auch sie mußten sich oft an anderer Stelle wieder einrichten. Als erstes bekam man eine „Betreuungskarte für fliegergeschädigten Haushalt“, ein Dokument in einmal geknickter gelber Pappe. Es mußte oft ausgestellt werden nach Treu und Glauben. Denn nicht jeder hatte beim erzwungenen Verlassen seiner Wohnstätte die wichtigsten Papiere mitgenommen.

Diese „Betreuungskarte“ war eine Art neuer Geburtsurkunde. Sie verhalf zu Lebensmittelkarten, auf ihr wurden Sonderzuteilungen vermerkt, zum Beispiel, daß „Ein Unterhemd“, damals wertvoller als ein Schmuckstück, verabfolgt worden sei. Nahrung gab es hier und da auf den Plätzen der Stadt: ein Teller Erbsensuppe aus der Gulaschkanone, belegte Brote.

Das alles klingt fast zu freundlich. Verzichtet wird hier auf die Schilderung der Bilder, die je näher zur Innenstadt, desto schrecklicher in den Blick kamen. Auch das hatte jeder für sich allein „zu verarbeiten“, wie es heute heißt, etwa den Anblick Hunderter auf Kindergröße geschrumpfter, aufgestapelter Toten am Hauptbahnhof. Wie viele von ihnen mögen Flüchtlinge aus dem Osten gewesen sein? Sonderbare Versuche der „Verarbeitung“ waren zu beobachten. Eine Gruppe von Menschen im mittleren Alter sparte nicht mit Hohn beim Anblick von Menschen, die den damals zur Pflichtausstattung der Zivilbevölkerung zählenden Luftschutzhelm trugen. Lächerliches, dramatisches Getue sei das, höchst albern. Es war wohl eine Verhöhnung zur Bezähmung der eigenen Angst.

Die Ungewißheit über die Zahlen der Luftkriegsopfer in Dresden liegt auch an der Unsicherheit über die realen Einwohnerzahlen von damals. Anders als bei heutigen Katastrophen, diesen Inseln des Schreckens in einer sonst leidlich geordneten Welt, gab es damals nur wenige, die Kraft, Ausstattung und Gelegenheit hatten, die Bilder der ersten Stunden fotografisch festzuhalten. So kehren die wenigen Aufnahmen, die sortiert und auch zensiert wurden nach dem Maße des jeweils politisch Passenden, in den Publikationen über den Bombenkrieg immer wieder. Sie werden ausgewählt oft nach ihrem dramatischen Gehalt – wie das häufig gezeigte Foto, das von einem Balkon des Rathausturms aus gemacht wurde. Es zeigt die über der von allen Schrecknissen gereinigten Trümmerwüste ausgestreckte Hand einer Sandsteinfigur, die man zur Not als die eines segnenden Engels deuten könnte.

Ein solcher Engel fehlte – oder er hat versagt – an jenem 13., 14. und 15. Februar des finsteren Jahres 1945. Was noch lange blieb, über Jahre hinweg, war der Geruch. Vor allem war es der des Brandes, wie ihn ein erloschener Ofen verbreitet. Darein mischte sich, je nach dem Ort, zum Beispiel der ätzende Gestank einer verbrannten Zahnpastafabrik und überall, sich unerbittlich durchsetzend, der Ruch der Verwesung.



Dr. Friedrich Karl Fromme, geboren 1930 in Dresden, war von 1964 bis 1997 Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ab 1974 als Leiter der Redaktion Innenpolitik und Koordination.

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