Bombenkrieg: 

„Die Stadt war ein riesiges Flammenmeer“
Interview mit Ritter Pál Cseresnyés über seine Erlebnisse in der Dresdner Flammenhölle
Alexander Barti

Herr Cseresnyés, im September 1944 wurden Sie von der Budapester Militärakademie Ludovika als Offiziersanwärter aufgenommen und begannen dort Ihre Ausbildung, während die Rote Armee schon bei der Theiß stand. Wie gelangten Sie nach Dresden?

Cseresnyés: Unsere Ausbildung – ich kam zur Infanterie – dauerte in Várpalota zunächst drei Monate, wobei es gleich scharf zur Sache ging, der Russe stand ja schon im Land. Da Ungarn praktisch keine Flugzeuge mehr hatte, wurden die Piloten „umgeschult“. Die Flieger zog man in der Division Szent László zusammen, wo sie den Umgang mit Handgranate und Maschinengewehr lernten. Im Oktober wurde es kurz brenzlig, als Reichsverweser Miklós Horthy abdankte und Ferenc Szálasi mit Hilfe der Deutschen die Macht übernahm. Doch dann ging die Ausbildung weiter. Am 2. Dezember bekamen wir den Marschbefehl nach Polgárdi, das die Russen eingenommen hatten. Auf dem Weg dorthin wurden wir aber nach Székesfehérvár (Stuhlweißenburg) kommandiert, da die Deutschen mit Tigerpanzern die Russen bereits wieder zurückgedrängt hatten. Hier blieben wir drei Tage und marschierten dann wieder nach Várpalota, wo wir erfuhren, daß die gesamte Akademie nach Dresden verlegt werden soll. Doch nun waren die Russen wieder in Polgárdi, so daß wir wieder in Marsch gesetzt wurden und in der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember auch dort ankamen. Die Russen beschossen uns mit Granaten, Tigerpanzer antworteten. Wir blieben hier eingegraben. Vor Weihnachten griffen die Russen dann Székesfehérvár an, so daß wir uns zurückziehen mußten. Hans Frießner wurde als Kommandeur der Heeresgruppe Süd abgelöst. Nach Weihnachten löste man uns ab, wir – etwa sechzig Schüler, ein Drittel war gefallen – wurden in Waggons geladen und fuhren über Prag nach Frankfurt an der Oder. Am 2. Januar 1945 überquerten wir die Reichsgrenze. Nach Dresden kamen aber nur die Infanteristen, die anderen Waffengattungen der Ludovika wurden an anderen Orten in Deutschland verteilt. Unser Sammellager war zunächst in Großkirschbaum (Ostbrandenburg). Von hier aus fuhren wir nach Dresden.

Wo waren Sie genau untergebracht?

Cseresnyés: In einer riesigen Kaserne. Das muß eine Vorstadt von Dresden gewesen sein, ein riesiger Komplex, fast wie eine Stadt für sich. Die ersten zwei Wochen verbrachten wir damit, das per Zug herangeschaffte Lehrmaterial der Akademie auszuladen. Zweimal konnten wir auch die Stadt besuchen.

Wie war die Stimmung in der Stadt?

Cseresnyés: Das war noch im Januar. Die Stadt war überfüllt mit Flüchtlingen. Die Deutschen erzählten sich, eine Tante Churchills wohne dort und deshalb werde die Stadt nicht bombardiert. Wir hatten nur abends Ausgang und wollten uns den Zwinger anschauen, aber der war schon geschlossen. Der Zirkus Sarrasani gastierte in der Stadt, da wollten wir hin. Das klappte aber auch nicht, denn für Wehrmachtssoldaten, SS und SA war der Besuch verboten. Die Stimmung war übrigens kein bißchen niedergeschlagen, ein Schlager von Marika Rökk war gerade der letzte Schrei. Die Gesichter waren freundlich, man konnte ohne Probleme ins Gespräch kommen.

Sie waren in Ihrer Uniform als ungarischer Fahnenjunker zu erkennen. Wie wurden Sie als „Ausländer“ behandelt?

Cseresnyés: Sehr gut. Als wir beispielsweise zu viert in eine Gaststätte gingen fragten wir den Kellner, ob es etwas ohne Lebensmittelkarten zu essen gäbe. Er verneinte, so daß wir uns nur Getränke bestellten. Dann kam er wieder und jeder von uns hatte einen Teller voll Essen. Der Keller sagte, der Oberst vom Nachbartisch habe uns das mit seinen Bezugsscheinen spendiert. Wir standen auf, schlugen die Hacken zusammen und bedankten uns, der Oberst nickte uns zu. Das war bezeichnend.

Und ansonsten ging die Ausbildung ganz normal weiter?

Cseresnyés: Ja, wir wurden lehrplanmäßig theoretisch und praktisch ausgebildet, im übrigen zusammen mit deutschen Fahnenjunkern. Am 13. Februar hieß es nach dem Morgenappell, wir werden in ein Ausbildungslager bei Riesa verlegt. Am Vormittag gingen wir daher zum Bahnhof Dresden-Neustadt und bestiegen unsere Waggons. Am frühen Nachmittag zog man uns auf einen riesigen Rangierbahnhof. Begleitet wurden wir von zwei ungarischen Hauptmännern und einem deutschen Leutnant. Am Abend gab es plötzlich Fliegeralarm.

Was geschah dann?

Cseresnyés: Der Leutnant befahl uns, in den Keller eines bei unserer Weiche stehenden Wärterhäuschens zu gehen. Eine Wache blieb bei den Waggons. Etwa zwei bis drei Stunden waren wir im Keller, dann war der Angriff vorbei. Wir kamen hoch und standen fassungslos vor dem Bild, das sich uns bot. Die Stadt war ein einziges riesiges Flammenmeer. Es brannten nicht vereinzelte Häuser oder Straßenzüge – alles stand in Flammen. Ich sehe es noch heute vor mir: ein riesiges, unbeschreibliches Feuer, vielleicht fünfzig Meter hoch.

Wie war die Lage auf dem Rangierbahnhof, gab es da keine Treffer?

Cseresnyés: Nein, hier fiel keine einzige Bombe. Offensichtlich sollte nur die Stadt getroffen werden, wo die Menschen wohnten. Wir waren etwa einen Kilometer von dem Inferno entfernt. Kurz nach Mitternacht, ich schob gerade Wache, kam die zweite Angriffswelle.

Was konnten Sie sehen?

Cseresnyés: Ich kauerte mich hinter ein Waggonrad und sah, wie Tausende dieser grünlich schimmernden Brennstäbe auf die Stadt fielen. Wie Weihnachtsbäume fielen sie aus den Fliegern. Es war so hell, daß man Zeitung lesen konnte. Zwischendurch explodierten einige Bomben. Aber auch diesmal wurde der Rangierbahnhof nicht getroffen. Es gab keine Luftabwehr. Etwa zwei Stunden dauerte der Angriff. Gegen zwei bis drei Uhr legte ich mich schlafen.

Wie war die Situation am nächsten Tag?

Cseresnyés: Gegen neun bis zehn Uhr sahen wir wieder hunderte Flugzeuge am Himmel. Die Sonne schien, kein Wölkchen war am Himmel. Zivilisten liefen aus der Stadt, auch in unsere Richtung. Ich sagte einem Kameraden, wir sollten in die entgegengesetzte Richtung laufen, denn wenn das ein Jagdflieger sähe, könnte er uns alle abknallen.

Haben Sie Angriffe von Tieffliegern erlebt?

Cseresnyés: Nein, dort gab es sie nicht. Später, im April, als wir bei Eger waren, schossen US-Jagdflieger auf alles, was sich bewegte. Aber dort in Dresden habe ich so was nicht gesehen oder gehört. Wir liefen zu den Häusern, um in einem Keller zu kommen. Der erste war „nur für Deutsche“, bei dem zweiten fanden wir Unterschlupf, bis auch dieses Haus einen Treffer bekam. Dann liefen wir wieder zu unseren Waggons zurück. Inzwischen wurde auch hier bombardiert.

Wie verbrachten Sie den weiteren Tag, wie waren die Menschen nach diesem Angriff?

Cseresnyés: Wir halfen auf dem Bahnhof beim Aufräumen. Einige Waggons brannten, die mußten abgekoppelt werden. Wir hatten keine Verluste und konnten am Nachmittag nach Riesa abfahren. Die Menschen waren sehr diszipliniert. Die Deutschen waren immer voller Zuversicht, auch jetzt konnte ich keine Niedergeschlagenheit sehen. Das war bewundernswert.



Pál Cseresnyés wurde 1925 in Budapest geboren. 1944 Eintritt in die Ludovika-Militärakademie, bis Oktober 1945 in US-Gefangenschaft. 1957-59 Internierung in Tököl wegen Teilnahme am Volksaufstand von 1956. 1974-78 besucht er die Hochschule für Finanzwesen, 1985 Pensionierung. Aufgrund seines Einsatzes wurde er in den von Reichsverweser Admiral Miklós Horthy de Nagybánya 1920 gegründeten Ritterorden (Vitézi Rend) aufgenommen.

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