Bombenkrieg: 

Grausam
Ein Zeitzeuge berichtet
Egon Kunze

Ich war 1944/1945 – vierzehn Jahre jung – in meiner Jungvolk-Gruppe (Vorstufe der HJ) in Dresden auf der Neustädter Elbseite.

Während der ersten Bombenangriffe auf Dresden haben wir in der Altstadt versucht, zu retten, was noch zu retten war. Bei den ersten Luftangriffen waren wir, während die Zivilbevölkerung in den Luftschutzkellern war, mehrfach – eigentlich verbotenerweise – auf den Dachböden der Häuser, um einschlagende Stab- und Phosphorbrandbomben möglichst schnell zu entfernen. Wir haben zunächst aus den Dachluken die Flugzeuge beobachtet, dann, wenn sie auf uns zuflogen, uns an den Schornstein auf die der Flugrichtung abgewandte Seite gestellt und dann die eingeschlagenen Stab- und Phosphorbrandbomben auf die Straße geworfen. Dort wurden sie von unseren Kameraden als „Lagerfeuer“ verbrannt und damit unschädlich gemacht. Natürlich mußte man schneller sein als die in den Bomben eingebauten Zeitzünder. Das ging lange Zeit gut – bis einem unserer Kameraden bei einer plötzlichen Explosion ein Teil seines Armes abgerissen wurde. Verursacht wurde dies durch einen aufschlagsgesteuerten, eine Vorexplosion auslösenden Kurzzeitzünder. Gegen diese neuen Brandbomben konnten wir nichts mehr tun; eine handgreifliche Entfernung war nicht möglich.

Am Nachmittag des 14. Februar 1945 war ich im Bereich der Bautzener Straße, mit Blick über die Elbwiesen zur Altstadt. Ich habe noch immer in bedrückender Erinnerung, wie nach dem Bombardement der Altstadt plötzlich viele, viele Jagdflieger – ganze Schwärme, schätzungsweise etwa 300 Jagdflieger – kamen, die sonst als Begleitflugzeuge der Bomberverbände eingesetzt waren. Sie hatten sich offenbar von diesen abgesetzt und rasten im Tiefflug über die Elbwiesen, wobei viele von ihnen gezielt auf flüchtende Menschen schossen, die sich aus der brennenden Stadt auf die Elbwiesen zu retten versuchten. Sie schossen nicht nur auf Flüchtlingsgruppen, sondern auch auf einzelne Flüchtlinge, und auch auf Gruppen – teilweise Rot-Kreuz-Gruppen –, die versuchten, Schwerverwundete durch schnellen Abtransport zu retten. Ich weiß nicht mehr, wie lange diese Tieffliegerangriffe dauerten, ich glaube etwa halbe Stunde, aber diese Menschenjagd war so grausam, daß ich die Zeit hierüber vergessen habe. Ich schätze, daß mehrere hundert Menschen dieser abscheulichen Menschenjagd zum Opfer fielen.

Wir waren nahezu machtlos; aber einigen haben wir trotzdem helfen können. Es waren Flüchtlinge, die wie brennende Phosphorfackeln angerannt kamen und sich in die Elbe stürzten, um sich und ihre Kleidung zu löschen. Manche Menschen verbrannten noch vorher, manche schafften es bis ins Wasser. Einige haben wir dann – wir waren ausgebildete Rettungsschwimmer – aus der Elbe retten können und sie nach Klotzsche in ein Lazarett gebracht.

Im Personenzug, mit dem ich häufig an Wochenenden zu meiner Mutter nach Annaberg fuhr, wurden wir auf der Strecke Dresden-Chemnitz mehrfach von Tieffliegern beschossen. In der Regel hielt der Zug dann an, damit wir herausspringen konnten. Mir ist – Gott sei Dank! – nie etwas passiert.



Prof. Dr. Egon Kunze ist Jahrgang 1930 und war von 1943 bis 1945 in einem staatlichen Internat in Dresden. Bis 2000 lehrte er an der Universität Bochum.


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