Bombenkrieg:
„ausrotten, vergasen, auslöschen“
Die Motive der britischen Luftkriegführung waren laut Winston Churchill niedrigster Natur / Dresden war nur eine Station
von Stefan Scheil

Sie kommen also nicht“, stellte Winston Churchill empört fest. Er fand sich betrogen und reckte zornig den Arm in den Himmel. Anlaß dieses Auftritts im August 1940 war die Nachricht, die deutsche Luftwaffe würde auch weiterhin nur militärische Ziele in England angreifen, keine zivilen Wohnbezirke. „Haben Sie es so eilig, Ihre Städte in Trümmer fallen zu sehen?“ fragte Charles de Gaulle nach, der diese Szene überliefert hat. „Begreifen Sie, daß die Bombardierung von Oxford, Coventry und Canterbury in den Vereinigten Staaten eine solche Woge der Empörung aufpeitschen wird, daß sie in den Krieg eintreten werden“, lautete die Antwort des britischen Premiers.

Der militärische Sinn der Angriffe war ein Nebeneffekt

Angesichts solcher politischer Notwendigkeiten war es denn kein Wunder, wenn kurze Zeit später der Fehlwurf eines einzigen deutschen Irrfliegers als Motiv für den endgültigen Beginn britischer Angriffe auf deutsche Wohnbezirke herhalten mußte. Seit er Regierungschef geworden war, brannte Churchill darauf, die in langen Jahren entwickelte Waffe einsetzen zu können. Als nach Wochen britischer Angriffe die von Churchill gewünschte deutsche Reaktion erfolgte, fiel es der Öffentlichkeitsarbeit der britischen Regierung nicht allzu schwer, mit der Behauptung aufzutreten, die Deutschen hätten eigentlich mit dem Bombenkrieg angefangen. Man durfte gar erleben, wie sich die deutsche Propaganda diesen Schuh fast freiwillig anzog. Joseph Goebbels war der Meinung, mit dem lautstark geprägten Begriff des „Coventrierens“ englischer Städte ein Synonym für deren völlige Zerstörung erfinden zu sollen. Er förderte auf diesem Weg die Erfüllung der Churchillschen Hintergedanken.

Monate später standen die amerikanischen Hilfsquellen der britischen Kriegführung verstärkt zur Verfügung, nach dem amerikanischen Kriegseintritt schließlich unbegrenzt. Demgemäß rollte die alliierte Luftkriegsmaschinerie mit einer Wucht über den deutschen Luftraum, der die dortige Luftverteidigung nicht gewachsen war. Ihr operatives Ziel bildete, wie Churchill im Sommer 1940 proklamiert hatte, die „Ausrottung der Naziheimat“.

In der Hauptdirektive des Luftfahrtministeriums von 1942 wurde demgemäß bestimmt, „daß die Zielpunkte die Siedlungsgebiete sein sollen und nicht Werften oder Luftfahrtindustrien“. Ziel sei, „die Moral der gegnerischen Zivilbevölkerung, insbesondere die der Industriearbeiterschaft“ zu zerstören. Dies blieb bis zum Angriff auf Dresden das Hauptziel.

Dabei ging es nicht nur um Vernichtung von Moral, sondern auch von Leben, was immer deutlicher wurde, als die immer größer werdende alliierte Luftüberlegenheit nicht mehr recht wußte, wohin sie mit ihrer Kraft eigentlich sollte. Die ansonsten strategisch sinnvoll angreifbaren Ziele begannen 1944 zusehends rar zu werden. Nach der Invasion in der Normandie machten die alliierten Truppen in Frankreich bereits die Erfahrung, wie das gründlich zerstampfte Eisenbahnnetz und die völlig zerstörte Infrastruktur den eigenen Vormarsch behinderte. Schon vorher schrieb Churchill zur Jahreswende 1943/44 an Stalin, ob er nicht langsam die Zerstörung Berlins stoppen solle, damit noch genug Truppenquartiere für Besatzungstruppen der Roten Armee übrig blieben. Stalin lehnte mit dem Hinweis ab, die Deutschen würden schon rechtzeitig wieder alles aufgebaut haben.

Arthur Harris: „Es gibt keine Stadt Dresden mehr“

Also ging das Töten der deutschen Zivilbevölkerung und die Zerstörung der Städte ungebrochen weiter. Soweit dies noch einen militärischen Sinn hatte, handelte es sich weitgehend um Nebeneffekte, was am Beispiel Dresden ebenfalls deutlich wird. Aus den Akten des britischen Bomber Command ergibt sich, daß nicht die Rüstungsbetriebe Dresdens das Ziel der Bomber waren, sondern die Altstadt. „Blauer Himmel und Sonnenschein ermöglichen es den Luftflotten, Dresden zu zerstören“, hielt Churchills Sekretär John Colville für diesen Tag lapidar im Tagebuch fest. Ob bei dieser Aktion eventuell anwesendes deutsches Militär mitgetroffen wurde, war nicht wirklich wichtig. Hätte man den Durchzug solcher Truppen verhindern wollen, wie gelegentlich behauptet wird, konnten die Brücken der Stadt auch gezielt angegriffen werden.

Gefragt, welchen Zweck die Bombardierung Dresdens gehabt habe, gab Bomberchef Arthur Harris jedoch lediglich zurück, er wisse nicht, was mit „Dresden“ gemeint sei: „Es gibt keine Stadt Dresden mehr.“ Ein weiterer Punkt auf seiner umfassenden Zerstörungsliste konnte abgehakt werden.

Churchill selbst weilte in diesen Tagen gerade in Jalta, um die Grundzüge der Aufteilung Europas festzulegen und Stalin zum Bruch des Nichtangriffspakts mit Japan zu überreden. Gutgelaunt kam der Premier zurück und dachte bereits über neue Einsatzwege für die schweren Bomber nach, denn die in Deutschland angekündigte Ausrottung über den Luftweg neigte sich dem Ende entgegen.

Mehrere hunderttausend Menschen waren durch Bombenangriffe gestorben. Bodenkämpfe, Hunger und Vertreibung würden das Ergebnis abrunden und zu einer Dezimierung der deutschen Bevölkerung führen. Man müsse sie alle kastrieren, hatte Churchill 1940 phantasiert. Auch „das Vergasen von Deutschen scheint er nicht als etwas Unehrenhaftes zu betrachten“, notierte Sekretär Colville nach Überlegungen des Premiers über Giftgaseinsatz gegen eine Invasion.

Nicht nur die Deutschen wollte Churchill dezimieren

Aber nicht nur in Deutschland gab es nach Churchills Meinung zu viele Menschen. Einige Tage nach Dresden auf die indische Unabhängigkeitsbewegung angesprochen, ließ Churchill seinem Rassismus freien Lauf. Er meinte, die Hindus seien ein widerliches Volk, „das sich nur durch seine große Gebärfreudigkeit vor dem längst fälligen Schicksal des Aussterbens“ rette. Er wünschte, „Harris könnte einige seiner überzähligen Bomber hinüberschicken, um sie auszulöschen“. Seine Fähigkeiten auf diesem Gebiet hatte Harris bei anderen Gelegenheiten in Afghanistan und dem Irak bereits in der Vorkriegszeit ansatzweise beweisen können.

Vier Monate später erhielten die britischen Wähler zum ersten Mal seit zehn Jahren das Wort. Sie stoppten diesen Amoklauf und warfen den Premier aus seinem Amt, für das er selbst nie durch eine allgemeine Wahl legitimiert worden war. Für Indien bedeutete diese Entscheidung statt Luftangriffen die Unabhängigkeit unter der kommenden Labour-Regierung. Für Dresden und jede andere deutsche Stadt mit über fünfzigtausend Einwohnern kam sie zu spät.



Dr. Stefan Scheil ist Historiker und Autor des Buches „Fünf plus Zwei – Die europäischen Nationalstaaten, die Weltmächte und die vereinte Entfesselung des Zweiten Weltkrieges“.

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