Als ich dann plötzlich eine dumpfe Verpuffung hinter und über mir hörte, zuckte ich heftig zusammen, trat einige Schritte hinaus, drehte mich um ... Voller Entsetzen - ich wußte nicht, was ich in diesem Augenblick tat - sah ich unser Haus lichterloh in Flammen!

Brandbomben mußten hier gefallen sein; denn als sich der Qualm hier und da lichtete, da sah ich auch das Bürohaus, den Heuboden und den Lattenzaun auf der Ziegelmauer in alles verzehrenden Flammen. Ich lief über den Hof, ungeachtet dessen, was um mich herum geschah, riß die Garagentore unterhalb des Kinderzimmers im Wohnhaus auf, wollte den großen Mercedes- Tankwagen ins Freie fahren, fuhr mich aber an einem der inneren Pfeiler fest, sprang wieder aus dem Fahrzeug! Es hatte keinen Zweck!

Die ohne Unterlaß anrollenden Böenwalzen, die immer wieder Funken aufwirbelten - oder waren es Brandbomben? - hatten jetzt auch das Flachdach des langgezogenen Tanklagers in Brand gesetzt! Irgendwoher griff ich eine Feuerpatsche, stürmte die Feuerleiter nach oben ... Weder das Dröhnen noch das Prasseln und Fauchen der Brände und Böenwalzen konnten mich aufhalten! Ich durfte nicht zulassen, daß hier alles in die Luft fliegt!

Ich weiß nicht wie, aber ich habe die Schwelbrände hier ersticken können. Immer wieder mußte ich mich flach auf den Boden legen, sobald das Fauchen anrollender Böenwalzen hörbar wurde. Liegend sah ich von der Süderstraße brennende Menschen über den Löschplatz laufen und in den Kanal springen oder auf dem Löschplatz als brennende Fackeln hilflos und infernalisch schreiend verenden.


Als der Morgen dämmerte, fand ich mich mit anderen Menschen in einem Bombenkrater im Sorbenpark wieder. Drüben, auf der anderen Straßenseite, sah ich nur Ruinen ...

Ich hatte kein Zeitgefühl mehr; meine Armbanduhr hatte ich irgendwo in der Nacht verloren. Dann stürmte ich aus dem Krater, über die verbrannten Büsche des Parks, entlang dem Ausschläger Weg über die Südkanalbrücke hin zu dem Luftschutzkeller. Tote ringsum, ein abgerissener Arm mit einem Ring am Finger und verkohltem Taschentuch in der Hand (von dem mein Vater sich einredete, daß dieser Ring der Tochter gehört habe!). Das Haus - Kartoffel-Krahn - stand noch, teilweise ausgebrannt und eingestürzt. Der Eingang zum Luftschutzkeller im Torweg war von Männern belagert, die offensichtlich eine Menge Schutt beiseite geräumt hatten, um an den Keller heranzukommen.

Erst Tage später, nachdem Männer der technischen Nothilfe den Keller geöffnet und den Zutritt gesperrt hatten, erfuhr ich den wahrscheinlichen Ablauf des Geschehens.

Sämtliche im Keller Anwesenden waren durch die gewaltige Hitze, die Phosphorbrandkanister verursacht haben sollen, erstickt. Dies ergab sich aus der Tatsache, daß im Keller anwesende Männer mit der Kreuzhacke die Soll-Bruchstelle in der Wand zum Kanal zu durchbrechen versucht hatten. Mittels brennender Streichhölzer, die ausgebrannt auf dem Fußboden herumlagen, wurde offenbar versucht, die Sauerstoffmenge im Kellerzu prüfen. Auch Wachskerzen wurden abgebrannt gefunden. Die Menschen im Keller, also auch Mutter und Trudel, lagen oder saßen wie eingeschlafen auf Pritschen oder mit dem Rücken zur Wand, sagte man mir. Die Tür muß total glühend gewesen sein; darum ihr rostiges Aussehen. Der Keller war, wie ich gesehen habe, unbeschädigt ... Die Eigenhilfe kam wohl zu spät.“ 

Heinz Spiekermann