In Stuttgart

Als Angehörige des Jahrgangs 1925 habe ich die Kriegsjahre noch in sehr guter Erinnerung. Mein Elternhaus befand sich im Zentrum von Stuttgart in der damaligen Rotestraße, die heute Theodor- Heuss-Straße heißt. So habe ich jeden Luftangriff auf die Stadt miterlebt.

Unser vierstöckiges Haus mit der Nummer 25, erbaut 1897, stand zwischen alten Fachwerkhäusern. Es gab zwei Untergeschosse. Der große, untere Weinkeller wurde im Krieg zu einem „öffentlichen Luftschutzkeller“ hergerichtet, in dem auch die Bewohner der kleineren Nachbarhäuser sowie Passanten Zuflucht fanden.

Bis zum Sommer 1943 waren wir von Luftangriffen so ziemlich verschont geblieben, obwohl es immer wieder Alarm gab. In der Nacht vom 7./8. Oktober 1943 wollte ich trotz des Alarms mein warmes Bett im dritten Stock nicht verlassen, doch das Kreisen der Flugzeuge beunruhigte mich derart, daß ich die Verdunklungsvorhänge zurückzog. Der nächtliche Himmel war von Leuchtbomben, im Volksmund „Christbäume“ genannt, erhellt. Diese wurden gesetzt, um nachfolgenden Bombern die Abwurfstellen zu markieren.

Blitzschnell schlüpfte ich in meine stets bereitliegende Trainingshose und packte Mantel und Schuhe. Den ebenfalls bereitgestellten kleinen Lederkoffer mit Dokumenten und Wertsachen ließ ich in der Eile im Zimmer stehen. Ich rannte nur noch um mein Leben. Mit den Armen auf dem Geländer stürzte ich mich die Treppen hinunter und zog meinen Körper hinterher. Drei Stockwerke tiefer mußte ich ein kurzes Stück im Freien über den Hof, um zu den Treppen zu gelangen, welche in den Luftschutzkeller führten. Die Treppe jedoch war blockiert von anderen Nachzüglern, die zahlreiches Gepäck mit sich schleppten.

Von weitem schon hörte man die nahenden Bomber. In meiner Panik drückte ich die Leute vor mir die Kellerstufen hinunter. Hinter mir wurde die Bunkertür geschlossen und gleich darauf kam eine gewaltige Luftdruckwelle. Das Licht erlosch und wir lagen alle am Boden. Eine Luftmine hatte das Dach und den vierten Stock komplett abgeräumt. Man hörte noch das Aufschlagen der schweren Quadersteine vom 4. Stock auf die Straße. Dann war es totenstill; man achtete auf jedes Geräusch von draußen. Erst als das Licht wieder brannte, prüfte jeder, ob auch alle Familienangehörige in Sicherheit waren.

Da der ganze Hof mit Schutt bedeckt war, kamen wir durch die Notausgänge ins Freie. Über die Trümmerteile stieg ich in unsere Wohnung im 3. Stock zurück, doch im Stockwerk darüber sah man ins Freie. Es fehlte natürlich überall das Fensterglas und zu den Türen brauchte man keinen Schlüssel mehr. Aber mein vergessenes Lederköfferchen stand immer noch unbeschädigt bereit, allerdings mit Staub bedeckt. Noch heute besitze ich es.

Hilde Rimmelin


Stuttgart

Als in der Nacht vom 19. auf den 20. Oktober 1944 in Stuttgart-Bad Cannstatt Fliegeralarm gegeben wurde, war ich einige Tage zuvor aus der KLV Rottweil nach Hause gekommen. Radio Stuttgart hatte kurz vor dem Alarm seinen Sender Mühlacker "wegen Annäherung feindlicher Bomberverbände" abgeschaltet, was nichts Gutes bedeutete. Als Schutzbunker war dem Bahnhofsstadtviertel der Luftschutzbunker im Bahnhof Cannstatt zugeteilt. In den Bunkern und Kellern der Stadt konnte man über Drahtfunk die Luftlage empfangen, die aus einer Zentrale in der Stadtmitte alle 5 bis 10 Minuten durchgegeben wurde. Die Decke des Luftschutzbunkers war vor einiger Zeit so verstärkt worden, daß sie einem Volltreffer widerstehen konnte, aber erst die eine Hälfte war fertiggestellt.
In zehn Minuten waren die Eltern und ich, der 14jährige Sohn, mit je einem Köfferchen in der Hand durch die Sperre mit den Schalterhäuschen hindurch nach hinten in den Bunker marschiert. Gleich darauf wurde die schwere, eiserne Bunkertür mit Handrädern durch ein paar alte Luftschutzmänner verriegelt. Dann setzte ein nie gehörtes Wummern und Erschüttern durch Detonationen ein, die nur eins verkündeten: Diesmal ist es ernst.
Manche Stunde zuvor hatten die Eltern schon im Bunker verbracht, immer waren andere Städte oder Stadtteile dran, es hieß dann: blinder Alarm. Die Gesichter der alten Männer, die an der Tür standen, wurden immer bedenklicher. Die anderen Leute saßen stumm auf ihren Holzpritschen.
Als nach einer halben Stunde keine Detonationen mehr zu hören waren, wurde die Bunkertür geöffnet und wer wollte, der konnte den Bunker verlassen. Der Vater und ich rannten hinaus. Da war nichts mehr, wie es vor einer halben Stunde war. Durch die großen, leeren Fenster- und Türhöhlen der Bahnhofshalle waren Brände zu sehen. Die Schalterhäuschen waren weg. Schutt und Glassplitter bedeckten den Boden, Drähte hingen herab. Der Bahnhofsplatz war fast nicht mehr wiederzuerkennen. Mauerbrocken und Glassplitter lagen herum, Brände flackerten ringsum auf und es qualmte gewaltig aus manchen Fensterhöhlen. Das Eckhaus und das Haus in der Eisenbahnstraße daneben, die meinem Großvater gehörten, standen zwar noch, aber wie! Alle Häuserdächer waren abgedeckt, die Oberleitungen der Straßenbahn hingen durch bis auf den Boden, Masten abgeknickt, leere Fenster- und Türhöhlen glotzten, Zwischenwände waren weggeblasen. Meinem Vater ging es nur noch darum, seinen geliebten Rundfunkempfänger, mit dem man auch Radio Beromünster empfangen konnte, wenn irgend möglich zu retten. Er sprang voran ins Haus, ich hintendrein. Treppen waren nicht mehr zu erkennen, weil kniehoch mit Schutt bedeckt. Ich stolperte empor, konnte aber nicht mehr sehen, auf welchem Stockwerk ich war und konnte auch unsere Wohnung nicht mehr erkennen in der Aufregung. Bei einem Blick von oben auf ein Nachbarhaus sah ich, daß der Dachstuhl brannte, also nichts wie zurück auf die Straße. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, die nicht bebaut war, unter einer Platane, stand mein Vater mit seinem Radioapparat unter dem Arm. Meine Mutter weinte nur noch.
Die Bewohner standen auf der anderen Straßenseite ihrer Häuser und hatte die paar Habseligkeiten, die sie noch heraustragen konnten, an der Mauer abgestellt. Sie standen da und schauten zu, wie ein Dachstuhl nach dem andern Feuer fing und wie sich das Feuer in kurzer Zeit von oben nach unten durch die Geschosse fraß. Zu retten war nichts, das Ausmaß der Schäden war zu groß, Hilfe oder gar Feuerwehr gab es nicht.

 HANS KLEIBER


Stuttgart

Sommer 1944: Vom Nachbarhaus war -Luftmine - nur ein Schuttberg geblieben. Künftig ging man übers Treppenhausfenster im 1. Stock über den Trümmerberg ein und aus. Die Decke vom Stockwerk darüber hing durch, die Fenster waren mit Brettern vernagelt, ein Drahtglasfensterchen inmitten. Gab es kein Wasser, hieß es mit Eimern auf den Wasserwagen warten. Gas gab es von/bis Uhr, wurde bekanntgegeben. Nach schweren Angriffen wurden Sonderzuteilungen aufgerufen.
Wir hatten immerhin noch ein Dach überm Kopf, einen tiefen Keller und als Fluchtweg immer noch vier der sieben Kellerdurchbrüche. Der nach Meinung Überflüssige, den mein Vater allein in seinem kurzen Fronturlaub gegraben hatte, war der Lebensrettende nicht nur für uns Kinder (8,4,2 Jahre, die Jüngste, keine 4 Monate alt), meine Mutter, für Herta, unser Pflichtjahresmädchen, sondern auch für 16 weitere Familien, als wir im September 44 dann voll ausgebombt waren und von uns nichts als ein kleines Schmorbündel übriggeblieben wäre (ein schockierender Anblick am Folgetag, um die Mittagszeit, bei kohlrabenschwarzer "Nacht"). Evakuierung nach Grailsheim, Schöneburgallee. Kein richtiger Keller, nur Untergeschoß. Bei Alarm ging man die Allee lang in den Wald hinaus - bis Tiefflieger die Allee beharkten. Also blieben wir zusammen, eng beieinander; entweder trifft's uns alle - oder wir haben Glück.
Mit Einbruch der Dämmerung rollte ununterbrochen bis zum Morgengrauen der Nachschub zur Front vorbei. Beinahe Nacht für Nacht aber auch Alarm und Bombardements (bei dem auch der Russe getötet wurde, der den Tag zuvor uns den Sack vom Koksklauben mit einem "Frau, viel zu schwer" abgenommen und zu unserem Leiterwägelchen getragen hatte). Tagsüber indes flogen die Silberströme amerikanischer Bomberflotten vorüber.
Nun hatte meine Mutter einen Bezugsschein für ein paar Schuhe für mich erhalten. In Grailsheim aber waren alle Schuhgeschäfte zerbombt. Von der Großmutter in Stuttgart kam Nachricht, daß ich ihn dort noch einlösen könnte. Also fuhr der 8jährige erstmals alleine Eisenbahn, bekam in Stuttgart keine Schuhe, konnte aber nicht zurückfahren, da die Bahnstrecke unterbrochen war. Den ersten nächtlichen Alarm im Mahlebunker, zu Haus bei der Oma, im ersten Schlaf: Ein Höllenspektakel, grad als wenn Tiefflieger das Dach schrammen würden. In den Unterstand im Garten (die Häuschen hatten nur dürftige Keller) trauten wir zwei uns nicht mehr; vielleicht in den Keller? Doch die Kellertreppentür klemmte. Also ins Gartenzimmer gesetzt, eng an die Oma gepreßt. Im gleichen Augenblick auch schon ein harter Schlag auf den Kopf. Das war die Decke, das Leben - war der letzte Gedanke. Irgendwann, hoffend, wieder am Leben: Hinter der letzten stehengebliebenen Wand. Mine vorm Haus, die ganze Vorderfront weggerissen. Was wir als "Decke" empfunden hatten, mußte die schwere, nun völlig zertrümmerte, Perpendickel-Wanduhr gewesen sein. 

Uwe Möller