Die Ächtung eines ganzen Volkes hat sich wohl am deutlichsten dadurch ausgedrückt, daß es über die Leiden und Grausamkeiten des Bombenterrors und der Vertreibung nicht einmal laut klagen durfte. 
Der Bombenterror mit über 600.000 Ermordeten - fast nur Zivilisten, Frauen, Alte und Kinder - und 800.000 Verletzten, in einem Luftkrieg, als dessen Ziel Winston Churchill die Zerstörung der Moral der Zivilbevölkerung erklärt hatte, ist nicht Gegenstand öffentlicher Erörterung. Die Directive No. 22 vom 4. Februar 1942 wies die Royal Airforce an, nur Wohngebiete zu bombardieren, keine militärischen oder industriellen Ziele. Churchill ist demnach ein Kriegsverbrecher und Massenmörder - und Terrorist. Er selbst verwendete übrigens den Ausdruck „terror bombing“ (zuletzt in seinem Memorandum „for the chief of staff“, einige Tage nach dem Angriff auf Würzburg). Der Royal Airforce gelang es zwar nicht, den Aachener Dom zu zerstören, aber Churchill bekam immerhin den Karlpreis in Aachen verliehen, wohl als Trostpreis. Noch am 3. Mai 1945 jagten Tiefflieger fliehende Menschen wie Hasen. (Daß Churchill einen Antrax-Angriff gegen Deutschland vorbereitete, ist wohl dokumentiert - War Office files WO 188 im Public Record Office - und ebenso verschwiegen.)

Im Kapitel „Krieg gegen die Hütten“ beschreibt Röhl in seinem Buch  Verbotene Trauer. Ende des deutschen Tabus, wie der Prager Sender am 5. Mai 1945 von Partisanen erobert wurde und die tschechische Übersetzung von Ilja Ehrenburgs Propaganda ausstrahlte. Seine Aufforderung lautete lapidar: „Tötet den Deutschen, wo ihr ihn findet, macht keinen Unterschied zwischen Soldaten und Zivilisten, tötet Frauen und Kinder, rottet alle aus.“ Ich war damals in Schweden Zeitzeuge und hörte die tschechischsprachige Hetzpropaganda im Radio. Sie war erfolgreich und kostete Tausende Deutsche das Leben. Insgesamt wurden etwa 270.000 Sudetendeutsche ermordet. Es ist daher ein Hohn, daß das Feuilleton der FAZ - unter der Ägide des ehemaligen polnischen Geheimdienstmannes Reich-Ranicki mit der Personalakte „Marceli Reich“ des kommunistischen Ministeriums für öffentliche Sicherheit (NZZ 13. August 2002) - Ehrenburgs ehrend zum „Hundertsten Geburtstag“ (1991) gedachte und der Sender SW2 ihn am 20. Februar 2000 im Programm „Profile“ feierte - amüsanterweise als einen „großen Humanisten“. Ein Prachtbeispiel für das, was Röhl als „Nationalmasochismus“ bezeichnet. Fast möchte man meinen, es waren Hellseher, die Röhls Buch voraussahen und eine exemplarische Illustration liefern wollten. Daß diese Ehrungen kein Einzelfall sind, kann man aus zahllosen anderen Beispielen sehen. Marlene Dietrich ging aus Karrieregründen bereits 1930 nach Hollywood. Sie erklärte nach dem Kriege feierlich, mit den Opfern des Feuersturms in Hamburg, den Kellerleichen, den Brand- und Schrumpfleichen könne sie keinerlei Mitleid fühlen. Die deutschen Behörden ehrten sie mit einer Briefmarke. Die Fortsetzung der Kriegspropaganda war und ist politisch korrekt.

Noch heute verordnet die Politische Korrektheit eine kollektive Amnesie - nebst Schuldkult in den Massenmedien. Daß entgegen allem Völkerrecht zweieinhalb Jahre nach Kriegsende noch zwei Millionen deutsche Kriegsgefangene in alliierten Ländern (außer in den USA) als Zwangsarbeiter zurückgehalten wurden, wird heute totgeschwiegen, während über die Kompensation für andere Zwangsarbeiter fleißig parliert wird. Es gibt aber auch Beispiele, wo nicht nur eine inoffizielle, auf medialer Macht beruhende Politische Korrektheit Wahrheits- und Trauerverbote durchsetzt, sondern wo auch staatliche Stellen sich um Trauer- und Wahrheitsverhinderung bemühen. Auch Dwight Eisenhower ist ein Massenmörder und Kriegsverbrecher. Auf seine Anordnung hin kamen etwa eine Million deutsche Kriegsgefangene in den berüchtigten Rheinwiesenlagern durch Entbehrungen, Hunger und Epidemien zu Tode. Um nicht später wegen Verstoßes gegen die Genfer Konvention zur Rechenschaft gezogen zu werden, entzog er den Soldaten den Status als Kriegsgefangene. Hilfstransporte mit Lebensmitteln und Medikamenten des Schweizer Roten Kreuzes wurden von Eisenhower zurückgewiesen mit dem Kommentar: „Die Deutschen sollen leiden.“ Unterdessen starben die deutschen Kriegsgefangenen massenweise. Viele hatten die Ruhr und stürzten entkräftet in die Latrinengruben, wo sie erstickten. Wie viele Schichten übereinander heute noch dort liegen, weiß niemand. Symptomatisch für viele dieser Lager war das US-Kriegsgefangenenlager Bretzenheim. Der Bauer Tullius, dem das Ackerland gehört, auf dem dieses Lager sich befand, förderte beim Pflügen immer wieder Knochen und Schädel zutage und beauftragte daraufhin den Grabungsexperten Schmitt, die sterblichen Überreste zu bergen, damit sie an würdiger Stätte beigesetzt und viele Vermißtenschicksale aufgeklärt werden könnten, was anhand der Erkennungsmarken auch heute noch möglich ist. Wie man erfährt, hat jedoch eine Gruppe von leitenden Mitarbeitern der Kreisverwaltung Bad Kreuznach und des Kreis-Rechtsausschusses, sowie einiger Richter am Verwaltungsgericht in Koblenz jegliche Bergungsgrabung unterbunden. Quid tacet, consentire videtur. (Wer schweigt, scheint zuzustimmen.)

Das wichtigste und größte Kapitel des Buches ist dem Thema Vertreibung gewidmet. Bei Kriegsende und vor allem danach wurden 15 Millionen Deutsche vertrieben, wobei etwa zwei Millionen getötet wurden. Über diese Opfer und deren Leiden zu trauern, war nicht opportun. Wie sehr sich diese Republik gewandelt hat, sieht man beispielhaft daran, daß der damalige Bundespräsident Richard v. Weizsäcker zum 8. Mai 1985, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation gegenüber den Sowjets (nicht gegenüber den Westalliierten), die Kapitulation als „Befreiung“ bezeichnen konnte (entgegen den offiziellen Erklärungen der Besatzer) -, ohne daß es einen öffentlichen Aufschrei gab.

In Tschechien sind nicht nur für den Vertreiber Benes, sondern auch für die heutige tschechische Regierung die damaligen Greueltaten an deutschsprachigen Menschen - egal ob Nationalsozialisten, Apolitische, Sozialdemokraten oder sogar NS-verfolgte Juden - legitim! Man darf gespannt sein, ob die Europäische Union Anstoß daran nehmen wird, daß die Benes-Dekrete in Tschechien weiterhin in Kraft bleiben, obgleich sie mit der Rechtsordnung der EU unvereinbar sind. Es werden sich bestimmt Juristen finden, welche die Unvereinbarkeiten mit kunstvollen Konstrukten kamouflieren.

Ist es korrekt, von verbotener Trauer zu sprechen? Gewiß, wenngleich die Maßnahmen der Machthaber inoffiziell waren und sind. Die Machthaber haben es systematisch verhindert, daß die Jugend über die Vergangenheit informiert wurde, außer in „politisch korrekten“ und zensierten Teilen. Über die oft bestialisch ermordeten Deutschen zu trauern, war und ist nicht „politisch korrekt“. Die „Spitzenpolitiker“ haben sich gegenüber den Vertriebenen besonders gemein verhalten. 1969 hatte das Bundesarchiv in Koblenz den Auftrag erhalten, die Unterlagen im Hinblick auf die bei der Vertreibung verübten Verbrechen auszuwerten. 1974 legte es seinen Bericht vor. Dieser Bericht wurde von der SPD/FDP-Koalition unter Verschluß gehalten. Bereits 1967 hatte der damalige Bundesvertriebenenminister Heinrich Windelen eine entsprechende Kabinettsvorlage ausgearbeitet. Doch auf Betreiben des Außenministers Willy Brandt kam sie nicht einmal auf die Tagesordnung des Kabinetts (JF 45/02 Leserbrief H.Windelen) Wäre es nach diesem gegangen, hätte die Öffentlichkeit von diesem Auftrag an das Bundesarchiv nie etwas erfahren. Durch den Bericht von Heinz Vielain im Bayernkurier vom 12. Juli 1969 kam die Sache dann doch an den Tag. Der oben genannte Bericht des Bundesarchivs, der 1974 vorgelegt worden war, wurde nicht veröffentlicht. Der damalige Bundesinnenminister Werner Maihofer (FDP) verhinderte das: „Schauen Sie, ganz sicher ist insgesamt diese Sache keine Frage historischer Wahrheit, sondern politischer Vernunft.“ Der spätere Nachfolger von Maihofer, Gerhart Baum, erklärte: eine Darstellung von an Deutschen begangenen Verbrechen sei „nicht zweckmäßig.“ Sie würde nur zu einer „Aufrechnungsdiskussion“ (Jürgen Habermas) führen. Baum hatte auch lapidar - gegen besseres Wissen - befunden: die junge Generation sei hinreichend informiert. Entgegen den ursprünglich gegebenen Versprechungen war die Bundesregierung nicht einmal bereit, Wissenschaftlern die Untersuchung zur Verfügung zu stellen. Der bekannte amerikanische UN-Völkerrechtler Alfred de Zayas erhielt auf seinen Antrag auf Einsichtnahme vom Minister Maihofer am 14. Oktober 1974 die Antwort: „Das Bundesarchiv bittet daher um Verständnis, Ihren Wunsch nach Überlassung eines Exemplars nicht erfüllen zu können.“ Der damalige Staatssekretär Klaus Bölling sagte daher bewußt die Unwahrheit, als er am 4. Februar 1975 im Deutschlandfunk erklärte: „Jeder, der sich zu wissenschaftlichen und publizistischen Zwecken mit dieser Untersuchung vertraut machen will, hat ja auch Zugang zu ihr.“ Man sieht, mit welchen Mitteln die Genossen arbeiteten.

Im März 1975 legte Wilfried Ahrens sein Buch vor: „Verbrechen an Deutschen - die Wahrheit, die Bonn verschweigt“. Nun war das „Geheimnis“ gelüftet. Die Bundesregierung schwieg. Vergebens erinnerte der damalige sowjetische Botschafter in Bonn, Valentin Falin, Bundeskanzler Schmidt an das angebliche Bonner Versprechen, die Dokumentation geheimzuhalten.
Aus JF 47/02
Klaus Rainer Röhl: Verbotene Trauer. Ende des deutschen Tabus. Universitas Verlag, München 2002, gebunden, 238 Seiten, 19,90 Euro

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